Eselerziehungstagebuch

 

Er heißt Emil, ist fünfeinhalb Jahre alt und drei Wochen bei mir. Ich will ihn erziehen. Er soll 2014 mit Menschen brav im Schritt mitgehen, anhalten usw. Emil musste in seinem bisherigen Leben kaum arbeiten, nur schmusen - sofern man das nicht als Arbeit bezeichnet. Nun muss er Muskeln entwickeln und mit mir die Welt entdecken.
Die Tierärztin sagt, ich darf ihn nicht zu sehr anstrengen: 14 Tage erst einmal nur von der Weide 500 m  bergab zu meinem Haus gehen und wieder zurück, mehr nicht. Eine Freundin leiht mir "Bea Borelles Pferdetraining". Ich lese begeistert. Zwar habe ich vor 15 Jahren die anderen älteren Esel mit Hilfe von Freundinnen und Freunden auch erzogen, aber vergessen ist, wie Burri und Benni 300 m vor der Weide stehen blieben und nichts ging mehr. Ich habe sie angefleht:" Nur noch 300 m, dann könnt ihr euch den Bauch vollhauen". Aber so kann man einen Esel nicht überzeugen. Dieses Mal mache ich es nach Anleitung einer Pferdefachfrau.

4.8.13
Das Buch sagt: Erst einmal Kontakt aufnehmen, am Ohr streicheln, am Widerrist streicheln, im Maul massieren. Aber Emil findet das blöd. Nur wenn ich ihn an der Brust streichele, da zuckt die Lippe. Schon nach kurzer Zeit signalisiert er mir:"Was soll das Getatsche, ich weiß, was du willst, lass uns endlich losgehen!" Also gut, auf gehts. Nach fünf Metern bleibt er stehen. Ich habe mich nach Buch vorbereitet: Ich bin ausgerüstet mit Äpfeln und gebe das Kommando "Und vor!" Irgendwann macht er zwei Schritte nach vorn, ich jauchze den Hunde-Jubler "Feieieiein". (Im Buch steht, man soll aufrichtige Begeisterung zeigen, das kann ich gut!) und belohne ihn mit einem Apfelstückchen. Dasselbe noch einmal. Er hat es verstanden. Wunderbar!

5.8.13
Nun soll er lernen, mit mir zum Haus zu laufen. Das Kommando heißt "Weiter geht´s" und immer, wenn er mehrere statt nur zwei Schritte gegangen ist, jubele ich und gebe ihm ein Apfelstückchen. Zuerst läuft er munter mit, so leicht ist das! Aber schon am nächsten Tag wird es schwerer, er schaut sich oft sehnsüchtig zur Weide um. Wenn er die anderen Esel am Zaun sieht, zieht er mit aller Macht dorthin. Er schreit - es hört sich an wie ein quietschender Elefant. Man kann nicht sagen, dass er schon in die Herde integriert ist, dennoch fühlt er sich als ein Nichts ohne die anderen Esel.

7.8.13
Wenn wir losgehen, zähle ich 10 Schritte, dann gebe ich das Kommando "Brrr" und lobe ihn mit "Feeein" und einem Apfelstücken. Danach halte ich nach 20 Schritten an usw. So kamen wir heute schon bis auf 80 Schritte am Stück. Wow!

8.8.13
Wenn er bei mir im Garten am Haus grast (die Belohnung für 500 m "Mitgehen"), muss ich mich zu ihm setzen, sonst trompetet er, rennt am Zaun entlang und schaut mir hinterher. Wie haben wir Menschen es bloß geschafft, Alleinsein auszuhalten? Oder fühlt er sich so, wie ich mich in einem fremden Haus in einem fremden Land mit einer fremden Sprache fühlen würde? Oder fühlt er sich so, wie ich mich fühlen würde, wenn ich in einem Etwas wäre, von dem ich nicht wüsste, ob es ein Haus und ein Land ist und ob das Gehörte Sprechen ist?

9.8.13
Auf dem Weg zum Haus haben wir heute geschlagene 20 Minuten auf der Straße stehend die Schäfchen auf der anderen Seite des Tales angestarrt. Die Autos fahren vorbei, die Fahrer mit dem mitleidigen Blick:"Wille nit?" Emils Ohren stehen in Richtung Schafe, die Nüstern beben.  Er folgte jeder Bewegung der Schäfchen, es war hochinteressant -  für ihn. Fragt er sich: "Sind sie gefährlich? Können die hierhin laufen oder können sie fliegen? Ernähren sie sich von Eseln"


10.8.13
Wir sind heute zu den Schäfchen gegangen. Als Emil merkte, es geht nicht nur zum Haus, sondern zu einem neuen Ziel, war er munter dabei. An der Weide angekommen, liefen die Schäfchen weg vor ihm. Er war nicht mehr eingefroren, sondern wollte kurz mal flüchten. Immerhin.

11.8.13
Emil ist heute wieder erstarrt, als er sich in einem Fenster gesehen hat. Aber er kommt immer mit, wenn ich mit ihm die Gefahr (die Plane, den Bach...) näher in Augenschein nehmen will. Das ist mutig!

12.8.13
20 m vor meinem Haus will Emil nicht weiter. Am Haus sitzen schon meine Freundinnen bei Kaffee und Kuchen, lecker! Ich habe keine Geduld mehr und stehe ratlos mit Emil auf der Straße. Er soll jetzt einfach mal "hinnemachen." Ich rufe den Freundinnen zu: "Ich bin auch gleich da, in einer halben Stunde." Da kommt eine mir entgegen; irgendwas (oder irgendwer - ich vielleicht?) entspannt sich und Emil mar-schiert.

16.8.13
Jeder Esel hat es anders gern: Wenn ich bei Emil die Ohren ausstreiche, senkt er  vor Wonne den Kopf.  Ich versuche es auch bei meinen Ohrläppchen und mein Kiefer entspannt sich. Bobo und Lano haben es gern an der Brust.   

18.8.13
Mit Leckerlis ist es zuerst leicht, aber dann wird Emil frech und fordert es ein mit nach hinten gelegten Ohren. Ab jetzt gibt es kein Lekckli mehr, sondern nur noch echte Begeisterung.

24.8.13
Wir bleiben wir wieder viele Minuten lang einfach stehen. Wenn ich dann noch:"Ist er stur?" von Passanten höre, bin ich nicht mehr sehr freundlich zu ihnen. Am liebsten möchte ich laut zurück fauchen. Gemessen daran bin ich freundlich.

30.8.13
Esel sind Meister des passiven Widerstandes. Und der ist sehr wirksam. Auf dem Taksimplatz stand der türkische Künstler Erdem Gündüz einfach stundenlang da und schwieg. In Abwandlung eines Schiller-Wortes könnte man auch sagen: Demonstrativ stehen bleibend und schweigend sind auch die Schwachen stark. Wenn Pferde panisch werden, tun sie etwas (nicht Erwünschtes) und man kann darauf reagieren und kommunizieren. Wenn Emil da steht und nichts tut, zwingt er mich zu etwas, nämlich "loszulassen" und Zeit zu haben, etwas - was gar nicht zu mir passt. Was soll ich machen, wenn ich ihn nicht verprügeln will?

7.10.13
Ein Wunder ist geschehen. Während meines Urlaubs fütterte meine Freundin Chris die Esel. Aus Spaß trainierte sie viermal kurz mit Emil. Sie hat Shettys und für sie ist die Verwendung einer Gerte kein ethisches Problem. Sie nahm sich einen dünnen Zweig, wie er gerade am Wegesrand lag und zeigte mir, was Emil bei ihr gelernt hatte. Und! Er lief wunderbar und motiviert neben ihr her. Mit der Gerte zeigte sie ihm, etwas mehr links, etwas rechts. Der Schwanz von Emil ist nicht unter den Bauch gepresst. Bei einer Gertenberührung zuckte er nur kurz. Er hatte keine Angst mehr vor der Gerte, sondern hat verstanden, dass sie ein Kommunikationsmittel ist.

 9.10.13
Die Gerte ist mein neuer Zauberstab. Nun wird es abschätzbar, ob ich 1/4 Stunde oder zwei Stunden für die 500 m von der Weide zu meinem Haus brauche. Ich laufe mit Emil und der dünnen Ast-Gerte und es ist wunderbar. Kein Kleben, keine Leckerchen alle 5 Minuten, es geht auch so. Emil und ich hatten ein Kommunikationsproblem. Er weiß jetzt, dass ich möchte, dass er läuft. Ich glaube, ich hatte ihn überfordert, indem ich ihm letzten Endes die Wahl gelassen habe, ob er mit mir kommt oder nicht. So muss er nichts entscheiden und ist anscheinend froh darüber.

11.10.13
Ich muss bei Emil die Gerte sehr selten benutzen. Nur einmal an der Straße gebe ich das Kommando "Weiter geht´s" und tippe ihn mit der Gerte an. Danach reicht nur noch das Stimmkommando. Wir wandern 3 km und es ist so, wie es sein soll. Er geht einfach mit. Und es macht ihm augenscheinlich Spaß. Er geht einen sehr flotten Schritt.

15.10.13
Emil macht nur Freude. Ich kann mit ihm entspannt wandern und weiß ich komme in einer angemessenen Zeit an. Nur, wenn er andere Pferde, Gänse und Rinder trifft, möchte er stehen bleiben und schaut sehr sehnsüchtig. Aber nach einem "Weiter geht´s" kann er sich nun doch losreißen.

17.10.13
Wir machen eine große Wanderung von 5 km durch Wald und Wiese, bergauf und bergab und Emil ist ein Prachtkerl. Kein Kleben, kein Stehenbleiben, einfach entspannt.

20.10.13
Wir haben hier Straßenbauarbeiten. Emil geht an flatternden rotweißen Absperrbändern vorbei, über Platten, die über einen Graben gelegt sind, vorbei an Rüttelplatten und Baggern in Aktion. Er vertraut mir, dass das so richtig ist. Ein Mitarbeiter der Straßenbaufirma war so angetan von ihm und als er Emils Ohren massiert hat und Emil den Kopf am Boden hatte, war er - der Mann - sehr begeistert.

Ich beende das Eselerziehungstagebuch nun, denn wenn alles so toll läuft, wird es ja langweilig. Ich bin so verliebt in Emil, aber das Verliebtsein ist auch einfach, wenn er alles macht, was ich will. - Oder sollte ich sagen, wenn wir uns verständigen können? Und das war ja sooo schwierig am Anfang. Emil wird 2014 seine erste Wandersaison haben. Und ich hoffe, er kann sich seinen Menschenfreunden verständlich machen. Ein paar Tricks, ihn zu verstehen und glücklich zu machen, werde ich dann verraten.

Nachtrag: 10.4.2014
Esel haben eine große emotionale Intelligenz. Emil hat irgendwann gelernt, dass ich ihm nie mit der Gerte weh tun würde. Ich konnte wie ein Rumpelstielzchen um ihn herumhampeln, er blieb stehen und rührte sich nicht. Die Pferde-Chris sagte, dann muss man sich eben etwas Neues ausdenken und band ein rotweißes Plastikband an die Gerte, die nun ein ganz unbekanntes Geräusch machte, und schon ging er.

Aber wann wird er merken, dass das auch nur Plastik ist? Nun habe ich die Gerte entsorgt. - Und er geht doch!